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Ein anspruchsvoller Traum

Gedanken eines Sammlers

Elf Jahre alt ist das Kind, der Vater ist eben gestorben. Die zwei ältesten der Familie sind emigriert. Einsamkeit und Gesundheitsprobleme drücken auf eine kleine Seele... Lesen ist ein Ausweg. Schon im Hause - ein Geschäft für Papierwaren- findet es Bücher. Sie werden zusammengetragen und in ein selbst gezimmertes, hölzernes Regal eingerichtet. Eine bescheidene kleine Bibliothek mit gelesenen und nicht gelesenen Büchern wächst langsam heran. Kindlicher Stolz: “Ich bin zwar das jüngste Kind der Familie, doch diese Büchersammlung gehört mir.” Besitzdrang und Bedürfnis an Trost?

Sind das am Anfang die Motive eines Sammlers? Literatur und Kunst als Sinngebung unserer Unzulänglichkeit? Gibt es da eine Antwort? Und wie kommen zwei Bücher Gerhard Multerers nach einem halben Leben in die Privatbibliothek eines Sammlers aus Flandern? Hier gibt es eine Antwort: Zuhause wurde viel musiziert: es gab ein Klavier und es wurde gesungen. Lieder von Schubert und Beethoven und wir Kinder hörten Texte von Goethe, Heine...' Wer reitet so spät..'. und 'Ich weiß nicht was soll es bedeuten..'. Wir waren gerührt obschon wir nicht alles begriffen. Aber die deutsche Sprache war uns also nicht völlig fremd und später in der Mittelschule gab es noch Deutschunterricht. Von den Schandtaten der Nazis hörten wir erst später, aber dies war nicht Anlass, auch die Kultur und Sprache der Deutschen gering zu schätzen. Dies nur um zu erklären, dass in meiner Sammlung nicht nur Literatur auf Niederländisch, Englisch und Französisch zu finden ist, sondern auch, und zunehmend deutsche Bücher. Auch russische Bücher kamen in den letzten Jahren hinzu und dabei lernte ich Michail Karasik kennen. Über ihn begann eine Freundschaft mit dem deutschen Sammler und Pädagogen Reinhard Grüner.

Anfang 2001 schrieb er mir Folgendes: “Ein weiterer Geheimtip ist Gerhard Multerer, er macht traumhafte  Unikatbücher, die er nur echten Liebhabern verkauft... An meinem 50. Geburtstag stellte er zwei Bücher vor. Sie waren so traumhaft, dass ich nicht zu fragen wagte, ob sie käuflich zu erwerben seien”. Diese 'Scheu' und dieses Erstaunen erfuhr auch ich, als mich Gerhard Multerer in der Kunstbibliothek des Middelheimmuseums in Antwerpen besuchte und sein Buch Die Hirschfrau auspackte. Da öffnete sich eine mir unbekannte und geheimnisvolle Welt an Bindematerial, Schrift, Filz, Collage, die verdichtet ein wunderbares Ganzes bildete und eine Reihe von Assoziationen traten hervor wie: deutsche Romantik, Naturerlebnis, Erotik, Beuys... und... ich konnte das Buch erwerben.

Mein zweites Buch, 'Ateqeh', wurde im Middelheimmuseum abgeliefert während einer Belenux-Reise der Familie Multerer: Hier hatte ich die Wahl zwischen verschiedenen Büchern aber 'Ateqeh' sprang mir ins Auge. Wieder ein Buch aus einem Guss mit einer eigensinnigen und tiefgreifenden Reflexion in Wort und Bild über unsere Zeit, über Liebe, Intoleranz und Fundamentalismus. In seinem 'Aeropagitica' sagt John Milton folgendes über Bücher:

“Books are not absolutely dead things, but do contain a potency of life in them to be as active as that soul whose progeny they are, nay they do preserve as in a vial the purest efficacy and extraction of that intellect that bred them.”

Auch Multerer's Bücher sind alles andere als tote Objekte, sie sind lebendige Kunstwerke die gelesen und betrachtet werden müssen und ihre Essenz wird zwischen zwei Deckeln bewahrt wie in einer 'Phiole'.

Einmalig sind sie auch: Gerhard Multerer nennt in einem Brief ein Unikatbuch '…ein unbeschreibbares Energiebündel, das in der Lage ist, den wissenschaftlichen Erklärungsansatz mit einem religiösen zu verschmelzen…'

In einem anderen Brief schreibt er folgendes:

„Ich habe heute morgen geträumt von einem Monolog, den eine (lebendige) Bibliothek hält. Über die Bücher, die ihr ein Mensch schenkt - und was sie ihm dafür zurückschenkt. Wie sie mit Leidenschaften, mit Wahrheiten und zufälligen Gesten lebt und wie sie sich über besondere Bücher freut, in einem gewissen Alter. Es ist eigentlich ein Gleichnis auf die Liebe. Ich hatte dabei die Bibliothek Middelheim im Kopf. Eine schöne Idee oder?“

Das Künstlerbuch als Energiebündel, das einen Platz finden muss in einer Büchersammlung und dort ein Gespräch beginnt mit dem Leser/Betrachter? Monolog einer (lebendigen) Bibliothek?

Leider können Bücher oder Bibliotheken nicht sprechen, das kann nur der Besitzer, dessen Verhältnis zu den Büchern auch von Liebe gelenkt ist. Auch in das Herz eines Menschen kann man nicht schauen; die Bücher bleiben also stumm und dem Außenstehenden verschlossen. Sie behalten ihre Geheimnisse und die verschwinden zusammen mit dem Sammler. Jedes Buch, das von ihm in die Hand genommen, gelesen und betrachtet wurde, hat sich dadurch geändert, ist Literatur, ist Energie geworden.

Gerhard Multerer möchte seine Unikatbücher in dieser Ausstellung und im Katalog zum Sprechen veranlassen, sie geändert sehen, sie digitalisiert zur Schau stellen, sie sogar berühren lassen. Ein anspruchsvoller Traum.

Wilfried Onzea