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Sindone - Bookart

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UNIKATBÜCHER
GERHARD MULTERER
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Sindone

Ebene 2






"La Sindone"   -   Arvo Pärt - der Rebell als Mystiker
 
(von Klaus Umbach, modifiziert von Gerhard Multerer)
 

Der Komponist Arvo Pärt ist der erfolgreichste Sonderling der Neuen Musik. Kirchen und Konzertsäle in aller Welt stehen ihm offen, Michael Moore und Tom Tykwer mischen seine Musik in ihre Filme, und er hat das legendäre Turiner Grabtuch vertont, das zu den meistverehrten Reliquien der katholischen Christenheit gehört. »La Sindone«.
 
Jeder auf der Welt kennt mittlerweile den Fluss seiner Melodien, die Wärme der Instrumentation, die getragene Feierlichkeit der Tempi und den gebenedeiten Glamour seines Schaffens. Pärt schreibt ständig neue Gebete, Litaneien, Oden und Messen, besingt die »Wasser zu Babel«, den »Schlüssel Davids«, den »Spross aus Isais Wurzel« und verachtet den »Konzertsaal mit seinen Leidenschaften und Versuchungen«.
 
Was, bei Gott, verschafft diesem komponierenden Kirchenvater so viel herzliche Zuneigung in einer sonst glaubensarmen Welt?  Ist bei dem gottgefälligen Schaffen nicht doch auch manch esoterisches Klingeling im Spiel? Pärt selbst schweigt sich aus. »Ich habe keine Meinung über meine Musik«, hat er einmal geäußert. »Wenn ich ein Stück komponiere, ist es wichtig, nicht darüber zu reden, weil ich sonst den Impuls zum Schreiben verliere. Und wenn das Werk fertig ist, ist ohnehin alles gesagt.« Gegen das Getöse des Tages kommt er mit Mystik.

 
Als 1998 zur 750-Jahr-Feier der Grundsteinlegung des Kölner Doms eine würdige Jubelpartitur erwünscht war, lieferte Pärt als Auftragswerk den rund eineinhalbstündigen Buß-»Kanon Pokajanen«, dessen vollmundiger Chorsatz wahrer Engelszungen bedarf. Und als im Mai 2005 in Berlin das Holocaust-Mahnmal eingeweiht wurde, begann die Feierstunde mit Pärts »Fratres«, einem Stück, dessen Erstfassung (1977) von einer einzigen leeren, auf über elf Minuten Spielzeit gedehnten Quinte strukturiert wird.

 
Der asketisch wirkende Arvo Pärt ("Ich bin kein Prophet, kein Kardinal, kein Mönch, nicht einmal Vegetarier") hatte sich in den strengen, schmucklosen Stil gregorianischer Gesänge eingehört und schrieb dann keine ruppigen Atonalitäten mehr, sondern karge, skelettierte Tonfolgen voll archaischer Würde. Der gregorianische Gesang habe ihm gezeigt, gestand Pärt, »dass hinter der Kunst, zwei, drei Töne zu kombinieren, ein kosmisches Geheimnis verborgen« liege, das einen sinnlichen Sog erzeugen kann. Mit diesem Credo war Pärt endgültig zum Prototyp einer neuen Einfachheit konvertiert.
 
Als Pärt im Oktober 2002 in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern vor der 35 Meter hohen Skulptur »Marsyas« von Anish Kapoor stand, war sein »erster Gedanke: Ich als Lebendiger stehe vor meinem eigenen Körper und bin tot«, und dann schrieb er im Gedenken an das Kapoor-Monument das Klagelied »Lamentate« - ein sterbendes Kunststück - es nähert sich dem Nichts und  endet im Nichts und dann hört man das Nichts - das wohl schönste Nichts der Musikgeschichte.
 
Multerers "Sindone" ist ein Versuch, Pärts Kompositionen auf Papierseiten in einer menschlichen Ordnung erlebbar und ihre potentielle Unendlichkeit begreifbar zu machen.



gerhard@multerer.org
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